Der Artikel beschreibt sehr schön das Heimatland von Analia. Wer nach dem lesen Lust hat Uruguay zu besuchen, kann gerne Analia nach mehr Insiderwissen fragen...

Uruguay - Zum Knutschen nach Montevideo
(Quelle: Stuttgarter Zeitung, von Gaby Herzog, veröffentlicht am 17.08.2010)


Uruguay taucht in vielen Reiseführern noch nicht auf. Doch genau das macht das Land am Rio de la Plata so interessant und liebenswert.

So muss es sein. Zufrieden balanciert Alessandra Baubta drei Teller durch das kleine Restaurant El Buey. Die Rindersteaks, die auf den Punkt gegrillt serviert werden, sind extra groß, das erfüllt die Kellnerin sichtlich mit Stolz. "Uruguayisches Rindfleisch ist das beste der Welt," beteuert sie, "unsere Wiesen sind einfach saftiger als die in Argentinien." Die Gäste sitzen auf grünen Plastikstühlen an runden Bistrotischen und lauschen der Musik, die jeden Sonntagabend auf der Plaza del Entrevero gespielt wird. Heute singt eine pummelige Señora im pinkfarbenen Rüschenkleid und mit einem dramatisch blonden Lockenturm. Ungleiche Paare schieben mit ernster Miene über das Pflaster. Ein paar Alte hocken am Rand unter den Palmen, trinken Matetee und warten auf ihren Einsatz.

Bloß keine Eile. Das Leben in Uruguay ist beschaulich. Tangomusik und dazu ein Schuss melancholische Dramatik. Nach einem kurzen Plausch verabschiedet man sich mit einem freundschaftlichen Kuss auf die rechte Wange. Auch wenn ein Tourist nur nach dem Weg fragt oder mit einem Fremden ein Schwätzchen hält, bekommt er nicht selten einen Abschiedsknutscher. Man kennt sich nicht, man herzt sich trotzdem – das ist in Uruguay ganz selbstverständlich. Wer durch das kleine Land am Rio de la Plata reist, begegnet überall der Kussfreude der Einheimischen. Mal laut und theatralisch wie eine italienische Operndiva, mal ganz dezent und nebenbei wie in einem Bistro in Paris. Über Reisende aus fernen Ländern freuen sich die Uruguayer ganz besonders. Es kommt nicht oft vor, dass Europäer ihrem Land einen Besuch abstatten. Viele kommen nur zum Tagesausflug von Buenos Aires herüber. Schließlich dauert es mit dem Schnellboot gerade mal drei Stunden von der Hauptstadt Argentiniens bis nach Montevideo. "Die meisten holen sich hier nur einen Stempel im Pass ab oder machen Party am Strand von Punta del Este und verschwinden dann wieder", sagt Kellnerin Alessandra. "Qué peña." Was für ein Jammer.

Die ständige Konkurrenz mit den Nachbarn Argentinien und Brasilien ist ein großes Thema in Uruguay. Noch heute feiern die Uruguayer den Sieg ihrer Fußball-Nationalmannschaft im WM-Finale im Jahr 1950 gegen die Brasilianer. Eingeklemmt zwischen den beiden Giganten, hat es das 3,5 Millionen Einwohner zählende Uruguay schwer, sich Aufmerksamkeit zu verschaffen. Dabei gilt das Land als eines der sichersten Länder Südamerikas. Die Einwohner respektieren die Gesetze – was einigermaßen untypisch für den Kontinent ist. Korruption ist allgemein geächtet.

Dennoch konnte Uruguay bisher vom internationalen Tourismus nicht profitieren, Reiseführer widmen der ehemaligen spanischen Kolonie nur ein paar Seiten. Aber das ist auch ein Glück. Statt sich auf die ausgetretenen Wege, die in den Toristen-Bibeln beschrieben werden, zu begeben, verlässt man sich auf die Tipps der Einheimischen. Auf die von Kellnerin Alessandra zum Beispiel. Sie fährt gerne die Küste hinauf nach Cabo Polonio, einem kleinen Dorf vier Busstunden von Montevideo entfernt.

Der Bus hält neben windschiefen Pinienbäumen am Fuße der Dünen. Von dort aus geht es mit der Pferdekutsche in das Örtchen, das auf einer Landzunge im Atlantik liegt. In Cabo Polonio gibt es keine Straßen, keine Elektrizität und kein fließendes Wasser. Wie zufällig hingestreut liegen die bunten Hütten zwischen den Felsen. Martín Gonzales hat sein Häuschen mitten in die Wanderdünen gebaut. Sie machen ihrem Namen alle Ehre: Jedes Jahr verschlucken sie Dutzende Häuser. Martín gräbt oft stundenlang mit der Schippe sein Heim aus dem Sand. Jetzt sitzt er müde vor seiner Hütte. Die Kerzen brennen in den aus leeren Wasserflaschen gebastelten Windlichtern. Am Himmel leuchtet das Kreuz des Südens. In solchen Augenblicken weiß Gonzales, warum er sein Leben lang in Cabo Polonio geblieben ist: "Direkt über uns hat der liebe Gott sein Wohnzimmer. Wenn er uns zuwinkt, dann fällt eine Sternschnuppe vom Himmel", sagt er. Der liebe Gott winkt gerne über Cabo Polonio. Besonders nach Mitternacht. Martín ist der Milchmann im Dorf. Jeao, sein alter Gaul, zieht den Wagen von Haustür zu Haustür. Seine Frau arbeitet in dem einzigen Geschäft im Ort. Auf der Ladentheke liegen dicke gelbe Käselaibe, von der Decke hängen Dauerwürste und Kräutersträuße. Kein Wunder, dass die Hippies, die in den 1960er Jahren in den Ort kamen, sich fühlten wie im Paradies. Ein Ausflugsziel ist wenige Kilometer weiter die Laguna de Castillos. Mit Booten werden Besucher durch die Kanäle vorbei an Fischreihern, Flamingos und weidenden Rindern zum Monte de Ombúes geschippert. Ombúes, die Elefantenbäume, sehen mit ihren ausladenden Kronen wie mächtige Bäume aus, sie sind jedoch keine: Die Pflanze ist ein Kraut. Es wächst schnell, sein Stamm ist so weich, dass man ihn mit einem einfachen Messer zerschneiden kann. Jahresringe bildet die Pflanze nicht. Einen ganzen Wald mit Ombúes gibt es sonst nirgends auf der Welt.

Es sind die kleinen Dinge, die Uruguay so liebenswert machen. Das Land hat keine atemberaubenden Wasserfälle wie Brasilien, keine jahrtausendealten Kultstätten wie Peru und keine exotischen Bergvölker wie Ecuador. Im entvölkerten Landesinneren muss man Stunden fahren, bis man einen Geldautomaten findet, und stellt dann oft fest, dass er leer ist. Mit Tankstellen verhält es sich ähnlich. Briefkästen? Fehlanzeige.

Die Leidenschaft der Bevölkerung gehört alten Autos. Anders als auf Kuba werden die Oldtimer jedoch nur selten wieder fit gemacht. Die Uruguayer horten die Gefährte gerne in ihren Vorgärten. Zur Arbeit fahren sie lieber im Fiat Punto. Die luxuriösen alten Gefährte sind Erinnerungen an eine Zeit, als Uruguay mit Fleischexporten noch Millionen scheffelte. Der Pferdezüchter Gabriel Pérez besitzt drei solcher Schätzchen. Ein Buick aus dem Jahr 1953 rostet unter einer Plastikplane im Schuppen vor sich hin, die beiden Chevrolets ereilt das gleiche Schicksal. "Tranquilo!", sagt er: immer mit der Ruhe. Zur Ruhe gehört in Uruguay Matetee. Ein echter Uruguayer verlässt das Haus nicht ohne Thermoskanne unter dem Arm und Mateteebecher mit Trinkhalm in der Hand. Überall gibt es für ein paar Céntimos heißes Wasser zu kaufen. Wenn sich Bekannte zufällig auf der Straße treffen, wird der Becher einfach frisch aufgegossen, und jeder trinkt seinen Tee. Alles andere kann warten.

Die Einheimischen sagen übrigens, der Matetee schmecke in Uruguay erheblich besser als in Argentinien, aber das war ja klar.

Anreise
Mit der Fluglinie TAM oder Air France von Frankfurt geht es über Paris und São Paulo nach Montevideo oder mit Iberia Frankfurt-Madrid- Montevideo. Oder man nimmt von Buenos Aires aus das Schnellboot, das nur wenige Stunden benötigt (Buquebus: ca. 70 Euro).

Verkehrsmittel
Das Schienennetz ist marode, das Busnetz aber gut ausgebaut. In jedem Ort gibt es einen Busbahnhof. In Montevideo heißt er Terminal tres Cruces. Über die Abfahrtszeiten der Busse informiert die Internetseite www.trescruces.com.uy.

Information
Die Deutsch-Uruguayische Handelskammer gibt ein Informationsheft über Uruguay heraus. Es kostet zehn Euro und kann unter der E-Mail-Adresse [email protected] bestellt werden. Auskunft gibt auch die Internetseite www.turismo.gub.uy. Die Broschüre""Argentinien, Chile, Uruguay verstehen – Sympathiemagazin, Nr. 62"" kann über Adveniat, E-Mail: [email protected], bezogen werden.

Reisezeit
Uruguay ist aufgrund des milden Klimas ohne Einschränkungen ganzjährig bereisbar. Die beste Reisezeit ist von Dezember bis März.

Preise
Die Währungseinheit in Uruguay ist der Peso. Für einen Euro erhält man 27,59 Pesos.
Abendessen (Grillplatte)5,30 Euro
kleines Bier 1 Euro
Kaffee 60 Cent

Was Sie tun und lassen sollten
Auf jeden Fall sollten Sie am frühen Abend auf den Ramblas in Montevideo flanieren. Am Meer spielt sich das Leben in Uruguay ab, am alten Hafen (Puerto Antiguo) findet man viele Restaurants und Fischbuden. Am Sonntagvormittag machen Sie sich auf Schatzsuche auf dem Flohmarkt Mercado de Pulgas vor der Nationalbibliothek, dort gibt es Bücher, altes Porzellan, Haushaltswaren und viel skurrilen Kitsch und Krempel.

Auf keinen Fall sollten Sie außerhalb des Zentrums nachts allein unterwegs sein, denn auch in Montevideo gibt es Armut. Im Zweifel lieber für ein paar Pesos ein Taxi nehmen.